Jung und links

Warum wählen immer weniger junge Menschen links? Auch auf diese Frage habe ich noch keine Antwort, aber ein paar spekulative, auf keinen Fall repräsentative und wahnsinnig angreifbare Beobachtungen aus unserer Serie “jung und links zu sein”.

- Links sein ist immer noch ein Lifestyle, oder (etwas weniger angreifbar) ein Lebensgefühl, das mit Parteien und Parteipolitik wenig zutun hat, zumindest nicht in unserer Serie. Wir haben wahnsinnig viele eingesandte Leserartikel erreicht, Linkssein ist ein Ding, mit dem sich die Leute beschäftigen, sich öffentlich bekennen wollen. Nur über Parteien stand in den meisten Texten kein Wort. Manchmal fragten wir in der Redigatur mal nach und bekamen dann widerwillig so mittel überzeugende Sätze geliefert, bis uns irgendwann klar war: Links sein wird nicht mit Parteien assoziiert, egal ob Linke, Grüne oder SPD .

- Linkssein wird mit Radikalsein verbunden. Das begann mit meinem Malheur, als ich ergriffen von meinen eigenen Klischees in den Aufruf schrieb: Links sein, das hieß früher, Steinewerfen auf Polizisten (oder so ähnlich). Das ist natürlich Unsinn, aber zeigt auch, dass Linkssein Bilder im Kopf erzeugt, die von bestimmten Gruppen geprägt sind. Das waren früher die Steinewerfer, heute denke ich an Antifa und vermummte schwarze Gestalten, die Häuser besetzen. Einer der meistgelesenen Texte aus unserer Reihe war übrigens: Reich, weiß, hetero und trotzdem links. Das totale Kontrastprogramm.

- Das direkt zur Frage führte: Darf die das? Ist die wirklich links? Das war auch die Frage, die uns während der gesamten Serie am häufigsten gestellt wurde: Sind das “richtige” Linke? Oder noch lieber als Vorwurf: “Das sind doch keine richtigen Linken.”

- Fast schon unterhaltsam war auf der Facebook-Seite des Autors Robert Misik eine sehr lebendige Debatte zur These: Die Autorin des Reich-weiß-hetero-Textes gibt es doch gar nicht. Alles Fake.

- Und was völlig unerwünscht schien: Kritik. Auch wenn einfach nur drei junge Menschen (völlig unkommentiert) sagen, warum ihnen Linkssein mittlerweile schwerfällt. Das waren dann 1. nie “richtige” Linke gewesen. 2. kam die Frage auf: Wie kann man nur in Zeiten der AfD Kritik an Linken üben (Ich glaube, es gab nie wichtigere Zeiten dafür). 3. Soll ein Protagonist an der Uni sogar von einer Gruppierung gesucht worden sein.

- Was stört am Linkssein denn nun? Die einen fühlen sich zu eingeengt, zu viele Vorwürfe und sogmatische Vorschriften zu den Fragen: Was darf ich essen, kaufen, denken, tun. Eine Frau verglich das gar mit einer Sekte. Und immer wieder: Es geht zu viel um Toiletten und gendergerechte Sprache. In einem Interview, das ziemlich oft geteilt wurde (und zwar eher von Linken als von der anderen Seite), stellte auch der Demokratieforscher Wolfgang Merkel die These auf: “Junge Linke haben Bezug zur Unterschicht verloren.”

- Übrigens: Weil jung nicht mehr unbedingt links sein (oder denken oder wählen) bedeutet, starten wir nächste Woche die Serie “jung und konservativ”.

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