Ich bin verwirrt – und dieses Blog kehrt zurück

Ich hab immer gerne gegen die angeschrieben, die gesagt haben, dass diese jungen Leute an allem Schuld sind, außerdem völlig unpolitisch und angepasst. Gegen Politiker, Soziologen, Journalisten und all die anderen. Aber 2016 hat mich verwirrt, weil ich nicht mehr weiß, ob ich damit immer Recht hatte.

Ich habe natürlich auch die Yougov-Umfrage retweetet, wie 40.000 andere, nach der 75 Prozent der 18-bis 25-Jährigen für die EU und nur 39 Prozent der Über-65-Jährigen dagegen gestimmt haben. Die Alten hatten den Jungen die Wahl gestohlen. Aber ich hab mich auch gefragt, wie viele von den Jungen denn wohl zur Wahl gegangen sind. Natürlich nicht so viele. Gilt genau so in Deutschland und nach Prognosen auch bei der US-Wahl.

Ich bin verwirrt, weil ich kein Verständnis dafür habe, aber auch nicht genug verstehe, warum das so ist. (Ist es wirklich Desinteresse? Faulheit? Oder doch das Gefühl, dass es bei der Wahl um andere geht). Aber mich stört das Argument, das so universell einsetzbar ist: Politiker sprechen nicht über die Themen von jungen Menschen? Die gehen ja eh nicht zur Wahl. Politiker zerstören mit ihren Entscheidungen die Zukunft von jungen Menschen? Die gehen eh nicht zur Wahl. Besonders perfide: Nachrichten über junge Menschen, die aufbegehren, sich engagieren, kommentieren mit: Wärd ihr doch vorher mal zur Wahl gegangen (wobei ich so weit gehen würde: Genau diese Menschen haben das ziemlich wahrscheinlich auch getan).

Ich bin verwirrt, weil ich nicht weiß, was zuerst war: Nicht zur Wahl gehen oder nicht über junge Themen sprechen. Und ich nicht weiß, wie beides wieder zu ändern wäre.

Ich bin aber auch verwirrt, weil ich (und einer kleinen unrepräsentativen Umfrage zufolge) einige andere immer noch dachten: Wer jung ist, wählt links. Dabei hat die CDU zuletzt wieder die SPD überholt was die Jungwählerstimmen angeht. Und die Linke läuft eh unter ferner liefen. Und was (da war ich vielleicht naiv) noch überraschender ist: Die AfD schneidet stark unter jungen Wählern ab. In Sachsen-Anhalt hätte sie unter ihnen die Wahl gewonnen, aber auch in anderen Bundesländern sind die Zahlen entweder ähnlich zu anderen Altersstufen oder sogar stärker. (Ich bin verwirrt, weil das auffälligerweise besonders gilt in der Altersgruppe 25 bis 35, wo die AfD oft die meisten Stimmen holt. Was ist das für eine Quarterlifecrisis?).

Ich bin verwirrt, weil in Polen zwar Tausende gegen ein neues Abtreibungsgesetz demonstieren, aber die Mehrheit der Schüler und Studenten zuletzt für rechte Parteien stimmte. Und solche Werte gibt es nicht nur im Osten, auch in Frankreich und Holland holen rechte Parteien vor allem unter jungen Wählern Stimmen. Ich bin verwirrt, weil Holland für mich immer das liberale, weltoffene, kiffende Erasmusland war.

Weil ich so verwirrt bin, habe ich momentan auch mehr Fragen als Antworten. Die folgen (hoffentlich) in den nächsten Monaten in diesem Blog.

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One Response to Ich bin verwirrt – und dieses Blog kehrt zurück

  1. Liebe Frau Gerstlauer,
    schön, dass Sie wieder “zurück” sind! Menschen wie Sie, können wir in der aktuellen Situation nicht genug haben. Die Fragen stellen, aufrütteln, unbequem sind und sich für unsere Gesellschaft einsetzen. Weil (nach J.W.v.Goethe): “Wer in der Demokratie schläft, wird in der Diktatur aufwachen!”

    Viele Grüße

    Ernst Holzmann

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