Inside an American newsroom

Mehr als 20 Regional-und Lokalzeitungen, ein Verlag, ein Hauptstadtbüro. In Washington DC habe ich vier Monate lang die halbe Woche bei McClatchy DC hospitiert, nach der Washington Post und der New York Times eines der größten Büros mit 40 Reportern und Editors. Viele haben mich gefragt, wie das so war, amerikanischer Journalismus, Arbeiten in einem Redaktionsbüro.

Es funktioniert! Natürlich sind Redaktionsgemeinschaften oft die Folge eines Sparkurses. Was das bedeutet, darum soll es hier aber nicht gehen, sondern wie ein Büro das Beste draus macht. Die McClatchy Newspapers waren damals mit die einzigen, die kritisch über den Irak-Krieg berichtet haben und wurden auch dieses Jahr mit ihrer Syrien-Berichterstattung für den Pulitzer-Preis gehandelt. Aber auch die Inlandsberichterstattung funktioniert:

  • Der Fokus liegt auf exklusiven Geschichten. Agenturen werden eigentlich nur für den Tagesplan verwendet. Am meisten hat mich erstaunt, wie wenig Artikel pro Tag entstehen. Ich würde schätzen, dass jeder Reporter im Durchschnitt zwei Geschichten pro Woche produziert. Die erste Rechercheaufgabe nach jedem Themenvorschlag war deshalb für Praktikanten: Das Internet leersuchen, ob nicht doch schon jemand anders die Geschichte oder eine ähnliche gemacht hat.
  • Termine wie Ausschüsse oder Pressekonferenzen werden deshalb hauptsächlich wahrgenommen, um passende Zitate zu bereits recherchierten Themen zu bekommen. Nachdem das verschärfte Waffengesetz im Kongress gescheitert war, hatte der Mann von Gabby Giffords für seine Organisation eine Pressekonferenz gegeben. Ich habe die dort gesagten Zitate aber nur weitergegeben für eine große Geschichte darüber, mit welchen verschiedenen Taktiken Lobbygruppen in Washington für dieses Gesetz arbeiten.
  • Oder: um regionale Geschichten zu machen. Denn das ist abgesehen von den ganz großen nationalen Themen am wichtigsten: Do we have a newspaper there? Texte werden oft in mehreren Versionen verschickt mit getauschten Zitaten aus den jeweiligen Staaten und manche Geschichten werden auch nur für die jeweilige Zeitung recherchiert. Jeder Reporter ist zum ersten spezialisiert auf ein Themengebiet, aber hat zum zweiten auch noch die besondere Aufgabe, auf Themen aus dem Gebiet einer bestimmten Zeitung zu achten.
  • Interviews werden nicht autorisiert. 
  • Factchecking: Damit sind wir bei einer Stärke des amerikanischen Journalismus, wie ich finde. Zur Präsidentschaftswahl haben Seiten wie politifact.com den Wahlkampf bestimmt, aber auch in den ganz normalen Newsrooms ist das allererste Kriterium: Get it right. Als Praktikanten hatten wir alle einen Mentor, der gesagt hat: Zuerst arbeiten wir daran, dass alles richtig ist. Das schöne Schreiben kommt danach. Natürlich ist das selbstverständlich und sollte überall so sein. Aber dort wird diese Kultur wirklich und aus Überzeugung gelebt.
  • Das Editor-Prinzip: Auch deshalb weil jeder Text durch mehrere Hände geht. Die USA sind bekannt für ihre klare Aufteilung zwischen Reporter und Editor. Bei uns gab es Editors, die wiederum thematische Schwerpunkte hatten: Auslandsberichterstattung, regionale Themen, weißes Haus, usw. Und dieser Editor hat oft selber Themen vorgeschlagen und dann an Reporter verteilt, bzw. die Vorschläge der Reporter von der Themenidee bis zur Veröffentlichung begleitet. Das heißt, an jeder Geschichte arbeiten gedanklich zwei Journalisten. Am Ende geht der Text noch zum copy editor, der vorher fast nichts von der Entstehung mitbekommen hat und als Außenstehender nochmal unabhängig redigiert.
  • Digitales: Vielleicht beschreiben es diese Anekdoten am besten: Eines Tages kam ein Pulitzer-Preisträger Anfang 60 zu mir und fragte mich, ob ich ihm mal helfen könnte, seinen Twitter-Account einzurichten. Er wolle das jetzt auch machen. Zwei weitere gestandene Reporter ließen sich von einer anderen Praktikantin zeigen, wie man Videos schneidet. Auch dort gibt es bestimmt noch viele Kapazitäten was das Digitale angeht, aber der entscheidende Unterschied. Es gibt nicht Print vs. Online. Die Print-Journalisten kamen reihenweise zur neuen Online-Leiterin mit Wünschen, was sie alles lernen möchten (Audioslideshow, etc.) und für welche Geschichten sie sich ein digitales Projekt wünschen. Von zwei Ausnahmen abgesehen twittern alle Reporter, von wichtigen Terminen immer live. Die Reporterin im Außenministerium mit knapp 15.000 Followern sagte mal, sie beneide uns Praktikanten, weil wir digital natives seien, und sie noch so viel lernen müsse.

Was sonst noch schön ist am amerikanischen Journalismus

Aktueller Scoop: Investigative Recherche zu “Insider threat”, einem Programm von Obama, das dazu aufruft, Co-Worker zu überwachen, damit keine Informationen aus Behörden nach außen gelangen

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2 Responses to Inside an American newsroom

  1. Jan Söfjer sagt:

    Schöner Einblick, Danke!

  2. Pingback: Journalismus studieren in Washington DC » Anne-Kathrin Gerstlauer

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