Tweets verschenkt und verkauft

Genau 170 Milliarden Tweets. Die hat Twitter verschenkt, einfach so. Diese riesige Timeline bunkert nun in der Library of Congress, bzw. auf deren Rechnern. In dem Gebäude gegenüber vom Capitol Hill, wo die Gesetze des Landes verabschiedet werden, lagert schon der größte Bücherbestand einer Bibliothek. Und nun also auch noch 132 Terabyte an Kurznachrichten, mal kürzer als 140 Zeichen, aber niemals länger. Drei Jahre hat die Library of Congress gebraucht, um das Präsent auszupacken, doch bald soll das Archiv fertig sein. Es umfasst zunächst die Jahre 2006 bis 2010: Statusnachrichten, Links und Fotos. Fortsetzung folgt, unter den gleichen Bedingungen sollen auch alle folgenden Tweets gesammelt werden.

Dieses Archiv soll aber weder für die Öffentlichkeit noch für Unternehmen offen sein, sondern nur ausgewählten Forschern zur Verfügung gestellt werden. Doch dafür ist es noch zu früh, momentan dauere eine Suche ungefähr 24 Stunden, so die Bibliothek in einer Erklärung. Ist das legal? Ja. Twitter weist in seinen Datenschutzbestimmungen ausdrücklich darauf hin:

„Ihre öffentlichen Angaben werden einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht und unverzüglich verbreitet. Ihre Profilangaben und öffentlichen Tweets können zum Beispiel über Suchmaschinen gesucht werden und werden umgehend per SMS und über unsere APIs an eine Vielzahl von Nutzern und Diensten versendet, unter anderem an die United States Library of Congress, die Tweets zu historischen Zwecken archiviert.“

Ein mächtiges Tool, sagt Rebecca Jeschke von der Electronic Frontier Foundation (EFF), die sich für die Rechte von Nutzern in der digitalen Welt einsetzt. Deshalb habe es viele Vorteile. Sie kann auch nur den alten Tipp nennen: Ausschließlich das veröffentlichen, von dem man auch möchte, dass es jeder lesen darf. „Im digitalen Zeitalter ist es viel einfacher geworden, öffentliche Dinge als Daten zu erfassen. Das Problem für den Nutzer: Die Landschaft ändert sich jeden Tag, da braucht es etwas Training um mitzukommen.“ Wer sich schützen möchte, kann seinen Account auf privat einstellen, dann können nur ausgewählte Follower sämtliche Tweets mitlesen. Eine andere Lösung ist das Löschen von alten Kurznachrichten. Die Library of Congress hat festgelegt, dass diese erst mit sechsmonatiger Verzögerung gesammelt werden. Wer seine alte Timeline noch einmal durchschauen möchte: Seit Mitte Dezember kann das eigene Archiv runtergeladen werden. 2010 hat außerdem eine Gruppe Datenschützer den Hashtag #noloc kreiert, der sicherstellen soll, dass Tweets nach 23 Wochen automatisch gelöscht werden, nach 24 Wochen, also sechs Monaten, würden sie an die Library of Congress gehen. Eine Anfrage, ob der Hashtag zweieinhalb Jahre später noch funktioniert, blieb unbeantwortet.

Geschäft mit 140 Zeichen

Die Library of Congress ist allerdings nicht die einzige Institution, die auf die Daten von Twitter zugreifen darf. Die Firma Datasift aus Großbritannien etwa analysiert Tweets ab Januar 2010 und verkauft die gewonnenen Daten, zum Beispiel Tweets über deren Produkte, dann wiederum an andere Firmen. Auch Twitter verdient an diesem Geschäft.

Und dann sind da ja noch die Regierungen der verschiedenen Staaten, die Daten aus dem Netzwerk anfragen. Vor allem Datenschützer in den USA haben da große Bedenken. „Das ist problematisch,“ sagt Rebecca Jeschke. „Wir setzen uns dafür ein, dass die Behörden Untersuchungsbeschlüsse brauchen, um die Daten anfragen zu können.“ Twitter hat eigens eine Seite eingerichtet, auf der die Anzahl der Anfragen eingesehen werden können. Fast 2000 Anfragen zu Informationen sind seit Januar 2012 eingegangen. Ende Januar hat das Unternehmen außerdem seinen zweiten Transparenz-Bericht veröffentlicht, in dem die Zahlen nach Staaten aufgeschlüsselt werden. In Deutschland gab es weniger als zehn Anfragen, in den USA hingegen 815, insgesamt steigen die Zahlen im Vergleich zum ersten Transparenzbericht. Dabei wurden nur 11 Prozent der Anfragen in den Staaten von einem Richter angeordnet, in 19 Prozent der Fälle gab es Durchsuchungsbefehle. Interessant sind aber auch die Zahlen, wie vielen Anfragen das Unternehmen tatsächlich nachkam: In Deutschland war das bei keiner einzigen der Fall, in den USA bei 69 Prozent.

Erschienen im Digital-Ressort von ksta.de am 4. Februar.

Lesetipps zum gleichen Thema: 

Zum Thema Datasift gibt es mehr bei Techcrunch.

Mehr zur Library of Congress bei der Washington Post. 

Mehr zum Transparenzbericht beim Guardian. 

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